Zurück zu den Wurzeln der Designidentität: Interview mit VW-Chefdesigner Klaus Bischoff

Klaus Bischoff, Head of Volkswagen Design, Quelle: Volkswagen

Klaus Bischoff, Head of Volkswagen Design, Quelle: Volkswagen

Im Rahmen des Automobil-Salons 2019, der in diesen Stunden in Genf beginnt, vollzieht Volkswagen den Brückenschlag zwischen historischen Vorbildern und zukunftsweisenden Mobilitätslösungen. Das Gesicht der Marke wird sich mit der Markteinführung des ersten in Serie produzierten Modells der ID.Familie im kommenden Jahr verändern. Im Interview gibt VW-Chefdesigner Klaus Bischoff Einblick, in welche Richtung sich die Designsprache bei Volkswagen entwickeln wird.

dt: Seit September 2015, dem Zeitpunkt unseres letzten Gesprächs, das wir auf der IAA in Frankfurt führten, ist bei Volkswagen sehr viel passiert. VW wollte damals mit einer 360° Brand Experience Aufbruchstimmung verbreiten. Alle Bemühungen in Sachen Design und Marketing wurden jedoch vom Abgasskandal, der wenige Tage später öffentlich wurde, überschattet. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Klaus Bischoff: Der Aufbruchsstimmung folgte dann unmittelbar auch ein realer fundamentaler Aufbruch in ein neues Zeitalter der Mobilität. Innerhalb von wenigen Monaten haben wir unsere Modellpalette für die Zukunft neu definiert und alle Kräfte darauf fokussiert. Im Grunde haben wir uns neu erfunden. Der ID. war unser erster Meilenstein und Ausgangspunkt unserer ID. Family, die heute in Genf mit dem ID. BUGGY ein weiteres Mitglied dazu bekommen hat.

dt: Ab welchem Zeitpunkt war klar, dass die Marke Volkswagen konsequent auf E-Mobilität ausgerichtet werden soll und dass Sie mit Ihrem Team zukünftig verstärkt Fahrzeuge mit entsprechendem E-Antrieb designen werden?
Klaus Bischoff: Ab September 2015.

dt: Wie kann man sich die Aufteilung und die Zusammensetzung innerhalb der Teams vorstellen? Gibt es Design-Teams für Stromer und solche für das Benziner-Segment? Oder wird vom Unternehmen erwartet, dass Designer in beiden Disziplinen gleichermaßen aktiv sind?

Klaus Bischoff: So unterschiedlich die Konzepte sind, an der Zusammensetzung unserer Teams ändert das nichts. Wir gestalten gemeinsam die Zukunft unseres Unternehmens. Besonders wichtig bei einer solchen technischen Revolution ist die nahtlose Zusammenarbeit von Technik, Design und Produktion. Ein so komplexes Produkt erfordert einen alle Abteilungen übergreifenden, iterativen Prozess von der ersten Skizze bis zum finalen Serienmodell.

„Elektroautos sind die Vorreiter
eines neuen Zeitalters der Mobilität.“

dt: Was gilt es generell beim Designen von E-Fahrzeugen zu beachten? Worin liegen die Unterschiede im Vergleich zum Designprozess bei einem konventionell angetriebenen Automobil?

Klaus Bischoff: Das Fahrzeuglayout und damit auch die Proportionen unterscheiden sich grundlegend.
Der größte Bestandteil bei einem konventionellen Auto ist der hochbauende Motor mit ausladender Peripherie, bei einem Elektroauto die lange, flache Batterie. Deren Unterbringung im Fahrzeugboden verlängert den Radstand – der Innenraum bekommt dadurch ein deutliches Upgrade. Der ID. bietet bei ähnlichen Dimensionen wie die eines Golf den Innenraum eines Passats.
In Hinblick auf die Reichweite bekommt die Aerodynamik einen neuen Stellenwert. Das Auto muss vorne möglichst rund aufbauen und hinten möglichst scharfkantig abschließen.
Zu diesen funktionalen Grundbedingungen kommt der visionäre ästhetische Anspruch, den wir zum Ausdruck bringen wollen: Elektroautos sind die Vorreiter eines neuen Zeitalters der Mobilität.

Volkswagen ID. BUGGY Showcar, Quelle: Volkswagen

Volkswagen ID. BUGGY Showcar, Quelle: Volkswagen

dt: Welchen Stellenwert hat hierbei Sounddesign?

Klaus Bischoff: Das Sounddesign eines Fahrzeuges betont seinen Charakter, gerade in Bewegung. Nehme ich das Auto stark, schnell, sympathisch, hochwertig wahr? Der Sound eines Elektroautos hat die gleiche Funktion wie der Sound eines Benziners. Der Motor kommuniziert Vortrieb, Dynamik, Kraft und Geschwindigkeit. Darin liegt die Faszination und Emotion, die so wichtig ist, wie je zuvor.

dt: Zukünftige E-Modelle der ID.Reihe werden, statt auf dem der sogenannten Modularen Querbaukasten (MQB), auf Basis des Modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB) gebaut. Bis 2025 will VW mehr als 20 reine E-Modelle auf den Markt bringen. Worin liegen die Vorteile, insbesondere aus Designperspektive?

Klaus Bischoff: Der MEB wurde speziell für die Elektromobilität entwickelt. Der Vorteil liegt darin, dass wir weder technisch noch im Design Kompromisse eingehen müssen um zwei völlig unterschiedliche Antriebskonzepte auf einer Plattform zu ermöglichen. Die Freiheit im Design können Sie deutlich sehen: alle Karosserieformen sind auf dem MEB möglich – und in Serie produzierbar.

„Intuitive Funktionalität
und vertraute Zeitbeständigkeit“

dt: Was ist das spezifische Designkonzept, das Volkswagen für seine E-Modelle verfolgt? Spielt auch hier der „Dialog mit den Linien“, wie Sie es zuletzt beschrieben, eine Rolle?

Klaus Bischoff: Der Dialog mit den Linien hat sich mit den genannten Anforderungen der Elektromobilität kontinuierlich weiterentwickelt. Lange, nahtlose Übergänge geben dem Fahrzeug eine sinnliche, fließende Ästhetik – eine Formensprache, die wir auch in der Natur sehen können. Die Grundwerte intuitiver Funktionalität und vertrauter Zeitbeständigkeit bleiben bestehen. Ein Volkswagen ist freundlich und nahbar.

dt: Im Vorfeld des Autosalons wurde in den Medien ein VW-Designer mit der Aussage zitiert, „Licht ist das neue Chrom“. Was hat es damit auf sich?

Klaus Bischoff: Licht macht Elektrizität sichtbar, es kommuniziert Wärme und Sicherheit. Zudem ist es leicht, dynamisch und transparent – ein Sinnbild für die Mobilität der Zukunft. Dabei wird Licht auch in seiner ursprünglichen Rolle als Signalgeber enorm an Bedeutung gewinnen. Aus dem Blickkontakt des Fahrers mit dem Umfeld wird bei autonomen Autos das Extraterieur, die Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmern. Auf die Fahrbahn projizierte Zebrastreifen geben Fußgängern Vorrang, die Scheinwerfer signalisieren Fahrradfahrern, dass sie gesehen wurden und sich vor dem Fahrzeug einordnen können.

Volkswagen ID. BUGGY Showcar, Quelle: Volkswagen

Volkswagen ID. BUGGY Showcar, Quelle: Volkswagen

dt: Ist die Markteinführung des ersten Modells der ID-Familie (Arbeitstitel ID.3 bzw. I.D. Neo) Anfang 2020 für Volkswagen eine Art Neuanfang?

Klaus Bischoff: Ja, mit der Markteinführung des ersten ID. wird das Neue Volkswagen zum ersten Mal für alle erlebbar.

dt: Wird sich das Markengesicht von Volkswagen im Zuge der stärkeren Ausrichtung auf Elektromobilität verändern? Seit Herbst 2018 nutzt Volkswagen im Kontext der ID-Familie ein vereinfachtes Markenlogo, das gänzlich ohne Farbverläufe und Glanzeffekte auskommt. Wird dies das neue Markenzeichen von Volkswagen?

Klaus Bischoff: Mit der ID. Family kehren wir zu den Wurzeln unserer Designidentität zurück: Volkswagen hatte mit dem Heckmotorlayout des Käfers und dem T1 von Beginn an ein geschlossenes, klares Markengesicht ohne Grill. Das Logo wird sich mit der Marke weiterentwickeln.

10 Kommentare zu “Zurück zu den Wurzeln der Designidentität: Interview mit VW-Chefdesigner Klaus Bischoff

  1. Leider ein inhaltlich recht überschaubares Interview, bis auf die Schilderung der Unterschiede zwischen herkömmlichen und E-Antrieben bleibt es oberflächlich.
    Ich verstehe, dass Herr Bischoff sich dazu nicht äussern mag und wahrscheinlich liegt die Modellplanung nicht in seiner Verantwortung: Warum aber lässt VW, in der für sie relative neuen Sparte E-Mobilität, in der sich Aspekte wie Urbane Mobilität, Ökologie, Effizienz und ähnliche bündeln, einen Prototyp eines Buggies bauen? So ein Fahrzeug hat keinerlei Nutzwert und steht weit ab jeder Lebensrealität nahezu alle Autofahrer.
    „Man kann nicht nichts sagen“ – VW spricht macht hier in meinen Augen sehr deutlich, wie diese Revolution des Automobilbaus im Unternehmen verstanden wird: Leider gar nicht.

  2. Wer soll denn ein Auto kaufen, dass Fußgängern Zebrastreifen auf die Fahrbahn projeziert? Welcher Autofahrer wird dies denn in der Realität umgesetzt haben wollen? Wie schon mehrfach erwähnt wurde, zeigt sich hier, wie traumatisiert VW ist und sich in „schöne neue Welt“-Werbegelaber ohne Substanz verliert; Hauptsache die Aktionäre (noch) nicht vergraulen.

    „Licht ist das neue Chrom“ heißt einfach nur, dass die Zierstreifen an der Front nun Leuchtstreifen werden; schon gesehen bei ersten Konzepten. Ist ja auch cool. Technisch noch gar nicht so lange in dieser Gleichmäßigkeit möglich. Warum sagt er es dann nicht einfach? Ich bin immer wieder überrascht, was für schwülstige Formulierungen von solchen Leuten für die einfachsten Erklärungen kommen können.

    Erfreulich finde ich zu sehen, wenn das Design sich wirklich entfernen sollte von der Formel „übergroßer Monogrill mit schlitzhaften, an den zulaufenden Spitzen vom Grill abgeschnittenen Scheinwerfern“, der aktuell nahezu jeder Autobauer folgt. (zuletzt leider auch Seat). Auch bin ich in der Tat sehr gespannt, was kommen mag, wenn man nicht mehr so sehr von Motorhaube und Kühlschlitzen abhängig sein wird. Die Idee „freundlich und nahbar“ halte ich aber nur für einen momentanen Krisenslogan.

    Ich hoffe, dass Design wieder mehr eine Frage des Modells und nicht der Marke wird.

    Eigentlich hieß es schon beim MQB, er sei für verschiedenste Antriebskonzepte konzipiert und böte volle Flexibilität (E-Golf).

  3. Ich bin sehr gespannt was die nächsten Jahre in Sachen Elektromobilität bringen werden. Wie wird sich die deutsche Stimmung gegenüber Elektroautos verändern (im Moment sind ja die meisten Anti)? Wie wird der veränderte Antrieb sich auf das Design der Auto auswirken? Wie werden sich Bestandteile wie das Interface oder die Akkutechnik weiterentwickeln und vor allem: Wie wird sich langfristig die Umweltbilanz bezüglich Bau und Betrieb der Stromer verhalten. Kann man so ein Teil nach 10 Jahren Akku-Verschleiß noch fahren?
    Ich traue VW zu, dass sie die Mittel und Menschen dazu haben die Elektroautos auch in Deutschland durch gutes Design und fortschrittliche Technik zu etablieren.

  4. Beim Logo hätte auch der dünne Außenring und dieses kleine waagerechte Trenndingens zwischen v und W verschwinden können, dann wären wir etwas näher bei minimalistisch

  5. Auch wenn das Interview thematisch nicht ganz dem dt-Alltag entspricht, bin ich persönlich dem dt sehr dankbar, dass es solche Seitenblicke hier gibt. Ein durchaus spannendes Interview, das zwar ein wenig an der Oberfläche dahinplätschert, aber dennoch den Weg von Volkswagen erklären will. Zumindest in Sachen Marketing …

    Ich bin nach dem Abgassskandal als früherer VW-Begeisterter nach wie vor enttäuscht und sehr skeptisch. Die Marke hat Vertrauen verloren und auf ganzer Breite Kunden betrogen, das lässt sich auch durch die schöne neue I.D. Welt nicht so einfach wegwischen. Und ich zweifle an der Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit der neuen VW-Welt. Denn abseits von dieser neuen, hellen Mobilitätswelt präsentierte VW soeben den stärksten (V8) Diesel der Welt. Und ebenso wird laut Fachpresse überlegt, nach dem der Konzern eine SUV-Reihe nach der anderen präsentiert, die Kleinstwagen-Reihe mit Up, Mii und Citigo künftig einzustampfen. Das bedeutet wohl, dass man die Zeichen der Zeit weder erkannt, noch verstanden hat. Der Wunsch der jüngeren Generationen ist NICHT der Besitz eines superteuren Elektro-SUV das mit tonnenweise LEDs statt Chrom glänzt, sondern neue Mobilitäts- und Bezugskonzepte. Der Besitz eines eigenen Fahrzeug ist in der Generation Netflix & Flatrate nicht mehr das oberste Ziel. Das hätte VW viel mehr in der Planung neuer Konzepte berücksichtigen müssen, denn nur so schafft man sich ein (Elektro-)Alleinstellungsmerkmal und wird nicht zur Tesla-Kopie. Aber wenn man auf kleine Baureihen verzichten möchte, die gerade für Mobile Pflegedienste, Carsharing-Dienste oder auch Essenslieferungen von hoher Bedeutung sind, plant man doch blind über die Bedürfnisse hinweg und versucht möglichst viel Rendite mit weniger Aufwand pro Fahrzeug zu machen. Sprich besser ein großes, teures Fahrzeug vertickt, als kleine, Standard-Autos. Das mag anfangs noch funktionieren, aber langfristig ist das kaum die schlaue Lösung. Ich denke der SUV-Trend und die Super-Individualisierungswünsche werden sich nicht auf ewig vergrößern/vermehren …

    Und das Design? Das ist leider dann doch meist nur das Mittel zum Verkaufszweck, denn nicht nur der Chrom-Ersatz in Form von LED-Beleuchtung, wie auch zahlreiche funktionale Basics wie verschiebbare Rücksitzlehnen bietet der VW-Konzern meist nur in teureren Ausstattungslinien oder Paketen an. Und das ist dann eben doch eine andere Welt, als die im Interview geschilderte … oder anders gesagt, wir haben hier Realität und da Vision.

    Ich kann mich irren, aber für mich wirken die I.D.-Modelle nur wie Schmuckwerk um sauberer zu wirken. Ob ein echtes Interesse des Konzerns dahinter steckt, bleibt abzuwarten. Generell hat die Industrie hier aber schon zu oft enttäuscht – sei es etwa mit dem Thema Wasserstoff-Autos, die seit zwanzig Jahren, kaum über den Konzeptstatus hinausgekommen sind. Oder auch Elektro-Baureihen wie die von BMWi – ein enormer Aufwand und krasse Ideen für neue Konzepte, aber schlichtweg nicht leistbar und dann irgendwie doch im Abseits von Interesse verlorengegangen. Oder sehe ich das falsch, wenn man nach fast 8 Jahren keinerelei neue Serien-Baureihen präsentiert. Das mag für Nischenhersteller die Regel sein, aber im Sinne der „neuen Mobilitätskonzepte“ ist das eine verdächtig lange Atempause.

    Einen Punkt im Interview kann und will ich nicht glauben – dass VW bereits 2015 in eine neue Aufbruchtsstimmung gestartet ist. Dafür hat man sich meines Erachtens in Sachen Dieselskandal viel zu ignorant verhalten oder hätte auch einfach mal Fehler eingestehen und sich bei den Kunden entschuldigen müssen. Und hätte man sich tatsächlich 2015 so sehr in das Thema Elektromobilität verschrieben, wäre dann wirlich Anfang 2019 noch der stärkste Seriensdiesel der Welt präsentiert worden? Die Energie hätte man dann doch lieber woanders investiert.

  6. Haben wir bei META Design in 2007 schon so angedacht und Volkswagen damals als Ausblick 2020 präsentiert … nur, dass wir das Blau gegen ein Grün getauscht hatten :) das wäre mutig gewesen …

    • Jürgen, Eure Empfehlung war seinerzeit, dass VW auf Grün als neue Hausfarbe hätte umstellen sollen? Bei einem Autokonzern ja nicht eben die naheliegendste Farbe.
      Und was genau meinst Du mit mutig? „Mutig“ wie BP, weil es über das visuelle Erscheinungsbild etwas suggeriert, was es nicht ist? Stichwort Greenwashing

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